Mandelbaum-Mythen & -Märchen

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Die Mandel – Die Schöne und Noble aus dem Morgenland

Mandeln sind heute alltäglich, man rührt sie morgens ins Müsli und knabbert sie abends in der Bar zum Cocktail. Und was wäre Weihnachten ohne gebrannte Mandeln, Makronen, und die vielen mit Mandeln dekorierten Gebäcke? Ohne Marzipan würde man viel seltener an Lübeck denken, ist die Stadt doch das deutsche Mekka dieses Haremskonfekts, wie Thomas Mann es nannte.

Im Mittelalter waren Mandeln noch die schönen und sehr teuren Exoten aus dem fernen Morgenland, der Kaviar unter den Nüssen und Kernen. Zur Haute Cuisine zählten Mandelbrei und Marzipan, und in der mittelalterlichen Küche war die Mandelmilch die Allzweckwaffe zur Veredelung unzähliger Speisen.

Rezepte für Suppen, Fleisch- und Fischgerichte bis hin zu Desserts und Getränken: die Mandel ist nicht nur nahrhaft sondern auch vielseitig. Und die Geschichte europäischer Mandelrezepte ist gelegentlich kurios.

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Teil I

Mandelbaum-Mythen & -Märchen

Kurios sind bereits die Enstehungsmythen des Mandelbaums. Agdistis war ein zweigeschlechtliches, furchterregendes Wesen, entstanden aus einem auf die Erde darnieder getropften nächtlichen Samenerguss des Zeus. Von den Göttern seiner Männlichkeit beraubt, entwuchs dem abgeschnittenen und vergrabenen Genital des Agdistis ein Mandelbaum. Oder entstand erst aus dem nun nur noch das weibliche Geschlecht besitzenden Agdistis die Kybele, Liebhaberin des aus dem vergrabenen Hoden entstandenen Attis? Kybele verletzte sich auf einem Frühlingsspaziergang ihr zierliches Füßlein an einem Dorn; und aus dem vergossenen Tropfen Blute wuchs dann der erste Mandelbaum? Noch zu einfach? Da gab es auch noch die Nymphe Nana, Tochter des Flussgottes Sangarius. Nana pflückte sich eine Frucht von eben dem Baum, der aus Agdistis Genital gewachsen war. Nana drückte die Mandel auf ihre Brust, wurde schwanger und gebar den Attis. Eine Form von indirekter Empfängnis.

In einer weiteren, etwas komplizierteren, Version wird Agdistis von Dionysos überlistet. Dionysos verwandelte eine Wasserquelle in eine Weinquelle, aus der Agdistis trank. Der Alkohol berauschte, die Müdigkeit übermannte das Zwitterwesen. Dionysos band die männlichen Geschlechtsorgane an einen Baum. Schließlich schreckte Agdistis aus dem Schlaf hoch, sprang auf und entmannte sich selbst. Aus dem Blut des abgerissenen Gliedes entwuchs kein Mandel- sondern ein Granatapfelbaum, von dem Nana, Tochter des Flussgottes Sangarius schwanger wurde, wie oben schon beschrieben. Nur dass es sich um einen Granatapfelkern und nicht einen Mandelkern handelte. Der geborene Knabe, Attis genannt, wurde ausgesetzt. Eine in Ostia gefundene Statue zeigt Attis mit einem Granatapfelzweig in der rechten Hand. Zum schönen Jüngling erwachsen stritten sich Kybele und Agdistis um ihn. Attis sollte aber Ia, Tochter des Königs Midas heiraten. Midas war wiederum ist Sohn des Gordios und der Kybele. Die eifersüchtige Agdistis versetzte den Attis in den Wahnsinn, so dass sich dieser sich selbst entmannte und starb. Aus seinem Blute des von Kybele vergrabenen Gliedes erwuchsen Veilchen, die den Fichtenbaum umkranzten, unter dem das Unglück stattfand. Auch Ia nahm sich das Leben, und auch auch aus ihrem Blute erwuchsen Veilchen. Die Blumen wurden von Kybele verscharrt und nun entstand daraus ein: Mandelbaum.

Vielleicht war es aber die Phyllis, die sich in einen der Söhne von Theseus und Phaedra verliebte. Ob es nun Akamas war oder sein Bruder Demophon bleibt ungeklärt. Wer es auch war, er versprach der Phyllis die Heirat und reiste von dannen, mit dem Versprechen der baldigen Wiederkehr. Er kam zu spät. Phyllis erhängte sich vor Einsamkeit und Liebeskummer und verwandelte sich in einen kahlen Mandelbaum. Nun doch zurückgekehrt umarmte in Trauer Akamas (oder Demophon) den Baum, der sofort wundersam und schön zu blühen begann. Manchmal gleicht die griechische Mythologie einer großen Gerüchteküche.

Nach soviel Blut- und Samengeschichten wird die Mandel im Christentum ganz brav. Sie steht für die Unbefleckte Empfängnis. Die Mandorla wird ein Kennzeichen für Maria in der christlich-künstlerischen Bildsprache. Auf Bildnissen der Maria wird diese von der Mandorla cunnusartig umrahmt.

Allerdings erwähnt nur das Alte Testament den Mandelbaum. So erhielt zum Beispiel Mose von Gott den Auftrag einen mobilen Zelttempel zu errichten. Zu dessen Ausstattung gehörte auch ein Leuchter, die Menora. Die Beschaffenheit des Leuchters ist genau beschrieben:

„Du sollst auch einen Leuchter aus feinem Golde machen, Fuß und Schaft in getriebener Arbeit, mit Kelchen, Knäufen und Blumen. Sechs Arme sollen von dem Leuchter nach beiden Seiten ausgehen, nach jeder Seite drei Arme. Jeder Arm soll drei Kelche wie Mandelblüten haben mit Knäufen und Blumen. So soll es sein bei den sechs Armen an dem Leuchter. Aber der Schaft am Leuchter soll vier Kelche wie Mandelblüten haben mit Knäufen und Blumen und je ein Knauf soll unter jedem Paar der sechs Arme sein, die von dem Leuchter ausgehen. Beide, Knäufe und Arme, sollen aus ihm hervorgehen, ganz und gar aus lauterem Gold getrieben.“ [Ex 25,31-40]





Auch in die deutschen Volksmärchen hat die Mandel Eingang gefunden. Johann Wilhelm Wolf (1817-1855) notierte Märchen, Sagen und Lieder, die er mit seinem Schwager Wilhelm von Ploennies auf Wanderung durch den Odenwald oder unter den Soldaten der Armee des Großherzogtums Hessen-Darmstadt fand. 1851 veröffentlichte Wolf im Buch Deutsche Hausmärchen das Märchen von den  „Mandelkörbchen“. Ein Bauer schickt seine drei Söhne in den Wald, das Tagwerk zu verrichten. Die beiden Älteren, von schöner Gestalt, verbringen allerdings den Tag mit Murmelspielen. Bei Einbruch der Dämmerung versuchen Sie hektisch, ein wenig der Arbeit aufzuholen. Dabei zerbrechen Sie Ihre Geräte. Das Geschrei ist groß, die Angst vor dem Vater auch. Ein seltsamer Mann hört ihr Klagen und will Ihnen helfen, indem er jedem der Brüder einen Wunsch gewährt und erfüllt. Der Älteste wünscht sich, dass seine zerbrochene Hacke wieder heile ist, der Zweitälteste wünscht sich eine schöne Frau. Der Jüngere aber wünscht sich ein Schloss, in dem die ganze Familie einziehen kann, mit einem Mandelbaum davor, dessen Früchte alle Krankheiten kurieren können. Einige Zeit später lässt der König des Landes kundtun, dass seine Tochter eine seltene, bislang nicht heilbare Krankheit hat, und dass derjenige, der sie kurieren kann, sie zur Frau bekommen wird. Der Bauer schickt seinen ältesten Sohn mit Früchten des Mandelbaums los, in einem Körbchen verpackt, abgedeckt mit einem Tuch. Auf dem Weg zur Königstocher wird der Älteste von einem Männchen im Wald angesprochen, was der Jüngling da im Körbchen habe. Der Jüngling schwindelt, er habe nichts. Verärgert über die Lüge und den Geiz, dem Männlein nicht eine einzige Mandel abgeben zu wollen, verzaubert er das Körbchen und lässt die Mandeln verschwinden. Das leere Körbchen erzürnt natürlich den König und, zuhause wieder angekommen, auch den Vater. Dem Zweitältesten ergeht es ebenso. Als dann der jüngste Sohn sein Glück versucht und ebenfalls vom Männlein angesprochen wird, gibt dieser ihm bereitwillig ein paar Mandeln ab. So bleibt ihm das Verschwindenlassen der Mandeln erspart, und die Königstocher kann kuriert werden. Da der jüngste Sohn nicht der schönste und nur ein Bauerssohn ist, stellt ihn der König vor einige weitere vermeintlich unlösbare Herausforderungen, bis er schlussendlich die Königstocher heiraten kann.

Giambattista Basile veröffentlichte 1634/36 seine Märchensammlung Pentameron, in der sich auch die Geschichte von Pinto Smauto befindet: Ein Kaufmann will seine Tochter gerne verheiratet sehen, doch diese behauptet ihre Freiheit und ist durch nichts umzustimmen. Beim Aufbruch zu einer Messereise fragt der Kaufmann seine Tochter, was er ihr mitbringen möge. Sie antwortet ihm: „Wenn du mich liebhast, Väterchen, so bringe mir einen halben Zentner Palermozucker, einen halben süße Mandeln, vier bis sechs Flaschen wohlriechendes Wasser, etwas Moschus und Ambra, ferner etwa vierzig Stück Perlen, zwei Saphire, einige Granaten und Rubine, etwas Goldgespinst, besonders aber einen Backtrog und Kratzmesser von Silber.“ Mit diesen Zutaten und mit den erbetenen Backwerkzeugen schließt sie sich in ihrer Kammer ein und erschafft einen Jüngling aus Marzipan mit Haaren aus Goldfäden, Augen aus Saphiren, Zähnen aus Perlen und Lippen aus Rubinen. Und sie bittet mit Beharrlichkeit die Liebesgöttin ihrem Marzipanmann, den sie Pinto Smauto (der „Emaillierte“) nennt, Leben einzuhauchen. Ihn nun will sie heiraten, aber Pinto Smauto wird von einer bösen Königin entführt und es dauert eine Weile, bis die Kaufmannstochter glücklich und zufrieden zusammenleben können.

Die Anpflanzung der vielen Mandelbäume in der Algarve im Süden Portugal soll auf eine andere Liebesgeschichte zurückgehen. Der junge Emir Ibn-Almundin, der in der Region Al-Gharb lebte, verliebte sich in eine schöne junge Frau aus dem hohen Norden, Gilda war ihr Name. Sie lebten eine Weile glücklich, bis Gilde an Schwermut erkrankte. Ein alter Mann, der ebenfalls aus dem Norden stammt, gab dem jungen Emir eine Rat. Gilda vermisse den Blick auf Schnee. Und da Schnee nun mal in Al-Gharb nie fällt solle der Emir viele Mandelbäume pflanzen lassen, die mit ihrer frühen weißen Blütenpracht, als erste Frühlingsboten die Landschaft „verschneien“ lassen. Dieser tut wie geheißen, und Gilda und Ibn-Almundin leben noch viele Jahre glücklich zusammen.

Die Mandeln hat es in den Kreis der Lebensmittel geschafft, die eine bestimmte Form bezeichnen. Während ei-, apfel- oder birnenförmig bei der Beschreibung eines Menschen oft negatives beschreiben, gelten mandelförmige Augen aber als besonders schön. Die Schönheit von karottenförmigen Hosen ist Ansichtssache. Wer schön sein will kann schon seit langem auf eine Vielzahl von Kosmetika mit Mandeln zurückgreifen: Mandelseifen, Mandelöl oder auch Reinigungsprodukte mit Mandelkleie für das sanfte Abreiben der Haut.


Literatur
Giambattista Basile: Das Pentameron, 1634 in der Übersetzung von Felix Liebrecht, Leipzig 1979 [online auf Projekt Gutenberg]
Johann Wilhelm Wolf: Deutsche Hausmärchen, Göttingen/Leipzig 1851 [online auf zeno.org]